-
- Terroranschlag in Berlin
- Mitte
Terroranschlag beim Berliner CSD: So verlief die Tatnacht
Über Stunden hatte sich der Christopher Street Day friedlich durch die Berliner Innenstadt bewegt. Entlang der Strecke feierten Besucherinnen und Besucher, auf den Abschlussflächen rund um das Brandenburger Tor herrschte ausgelassene Stimmung. Für viele Teilnehmer sollte der Abend den Höhepunkt eines Tages bilden, an dem für Gleichberechtigung, Akzeptanz und Vielfalt demonstriert wurde.
Gegen 22 Uhr änderte sich die Lage schlagartig.
Transporter fährt in Menschenmenge
Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand steuerte der Fahrer eines weißen Citroën-Transporters den Bereich des südlichen Tiergartens an. Im Bereich der Lennéstraße beziehungsweise der Tiergartenstraße fuhr das Fahrzeug in eine Menschenmenge.
Augenzeugen berichteten später, der Transporter sei mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Innerhalb weniger Sekunden wurden zahlreiche Menschen erfasst und verletzt.
Für die zuerst eintreffenden Einsatzkräfte stellte sich die Situation zunächst unübersichtlich dar. Während erste Notrufe eingingen, war noch unklar, ob es sich um einen Verkehrsunfall oder um einen gezielten Angriff handelte.
Erst nach den ersten Erkenntnissen der Polizei verdichteten sich die Hinweise, dass es sich um eine vorsätzliche Tat handeln könnte.
Täter flüchtet nach der Fahrt
Nach bisherigen Erkenntnissen kam der Transporter nach einer Kollision mit einem Baum zum Stillstand.
Der Fahrer verließ anschließend das Fahrzeug und flüchtete zu Fuß.
Nach Informationen aus Ermittlerkreisen soll der Mann anschließend mit einer Stichwaffe weitere Menschen angegriffen haben. Es besteht der Verdacht, dass dabei eine Machete eingesetzt wurde. Die Ermittlungen hierzu dauern an.
Später fanden Ermittler im Transporter eine Macheten-Scheide. Die mutmaßliche Tatwaffe selbst blieb zunächst verschwunden.
Erste Minuten nach dem Anschlag
Während sich der Tatverdächtige vom Fahrzeug entfernte, begannen Besucher sowie die zuerst eintreffenden Polizeibeamten mit der Versorgung der Verletzten.
Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich aus einer Großveranstaltung eine sogenannte Terrorlage. Parallel zur medizinischen Versorgung musste die Polizei davon ausgehen, dass der Täter bewaffnet und weiterhin flüchtig war.
Zeitweise konnte nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Täter beteiligt waren.
Deshalb konzentrierten sich die ersten Maßnahmen gleichzeitig auf zwei Schwerpunkte:
- Rettung und Versorgung der Verletzten,
- Fahndung nach dem flüchtigen Tatverdächtigen.
Polizei wird zu Ersthelfern
Noch bevor ausreichend Rettungskräfte den Tatort erreichten, leisteten zahlreiche Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte lebensrettende Sofortmaßnahmen.
Ein besonders schwer verletztes Opfer wurde durch Einsatzkräfte der Polizei aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich gerettet.
Nach Angaben aus dem Einsatzgeschehen hatte die Frau massive Verletzungen an beiden Armen sowie schwere Schnittverletzungen an den Beinen erlitten. Die Beamten führten unmittelbar Maßnahmen nach dem Konzept Tactical Emergency Casualty Care (TECC) durch – einem speziell für lebensbedrohliche Einsatzlagen entwickelten Versorgungskonzept.
Zur Kontrolle starker Blutungen wurden an beiden Armen Tourniquets angelegt. Anschließend stabilisierten die Beamten die Verletzungen durch Schienungen, bevor die Frau in die eingerichtete Verletztensammelstelle gebracht und dort an den Rettungsdienst übergeben wurde.
Der Fall zeigt exemplarisch, welche Rolle Polizeikräfte bei Terrorlagen heute übernehmen: Sie sichern nicht nur den Tatort, sondern führen – sofern erforderlich – auch lebensrettende Sofortmaßnahmen bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes durch.
Großalarm für Feuerwehr und Rettungsdienst
Mit Eingang der ersten Notrufe alarmierte die Leitstelle der Berliner Feuerwehr zahlreiche Rettungsmittel sowie Führungskräfte in den Tiergarten.
Bereits kurze Zeit später wurde deutlich, dass es sich um eine Schadenslage mit einer Vielzahl verletzter Personen handelte, also ein MANV - Massenanfall von Verletzten.
Die Berliner Feuerwehr richtete daraufhin mehrere Einsatzabschnitte ein und entsandte umfangreiche Kräfte von Berufsfeuerwehr, Freiwilliger Feuerwehr sowie den Berliner Hilfsorganisationen.
Insgesamt waren rund 160 Einsatzkräfte der Feuerwehr und des Rettungsdienstes an der Einsatzstelle tätig.
Zum Kräfteansatz gehörten unter anderem:
- acht Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeuge,
- eine Drehleiter,
- 25 Rettungswagen,
- 11 Notarzteinsatzfahrzeuge,
- ein Rettungshubschrauber,
- 10 Sonderfahrzeuge,
- 11 Führungsdienste,
- 2 Leitende Notärzte
- sowie der Pressedienst der Berliner Feuerwehr.
Zusätzlich wurden Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung alarmiert.
Christopher Street Day wird abgebrochen
Während Feuerwehr und Rettungsdienst um das Leben der Verletzten kämpften, entschieden die Veranstalter, den Christopher Street Day sofort zu beenden.
Auf den Videoleinwänden erschien die Aufforderung zur Evakuierung.
Über die offiziellen Kanäle wurden die Besucherinnen und Besucher gebeten, das Veranstaltungsgelände ruhig und geordnet zu verlassen und insbesondere den Bereich um Siegessäule und Tiergarten zu meiden.
Auch die Berliner Polizei forderte die Menschen auf, den Bereich unverzüglich zu verlassen, da die Gefahrenlage zunächst nicht abschließend beurteilt werden konnte.
Während die letzten Besucher das Gelände verließen, begann für Polizei und Ermittlungsbehörden eine der größten Fahndungen der vergangenen Jahre.
Verletztensammelstelle eingerichtet
Um die Versorgung der zahlreichen Betroffenen zu koordinieren, richtete der Rettungsdienst im Bereich Tiergartenstraße/Einfahrt Tiergartentunnel eine Verletztensammelstelle ein. Dazu wurden Zelte eingerichtet.
Dort wurden die Verletzten zunächst gesichtet, medizinisch erstversorgt und entsprechend der Schwere ihrer Verletzungen priorisiert.
Nach Angaben der Berliner Feuerwehr mussten im Zusammenhang mit dem Anschlag 32 Personen medizinisch versorgt werden.
Eine Person erlag noch an der Einsatzstelle ihren schweren Verletzungen.
Unter den übrigen Patienten befanden sich mehrere lebensbedrohlich und schwer verletzte Personen.
Nach der Erstversorgung wurden sämtliche Verletzten – teilweise unter notärztlicher Begleitung – in umliegende Berliner Krankenhäuser transportiert.
Betreuung von Augenzeugen
Neben den körperlich Verletzten mussten auch zahlreiche Menschen betreut werden, die den Anschlag unmittelbar miterlebt hatten.
Nach Angaben der Berliner Feuerwehr wurden 45 unverletzte Betroffene durch Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) betreut.
Für diesen Personenkreis richteten die Einsatzkräfte eine eigene Sammelstelle ein, in der speziell geschulte Einsatzkräfte Gespräche führten und erste psychosoziale Hilfe leisteten.
Auch für Einsatzkräfte standen im weiteren Verlauf Unterstützungsangebote zur Verfügung.
Berlin startet eine der größten Fahndungen der vergangenen Jahre
Noch während Feuerwehr und Rettungsdienst Verletzte versorgten und der Veranstaltungsbereich geräumt wurde, leitete die Berliner Polizei eine großangelegte Fahndung nach dem flüchtigen Tatverdächtigen ein.
Mehr als 2.000 Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte waren nach Angaben der Behörden an den Maßnahmen beteiligt. Unterstützt wurden sie unter anderem durch das Spezialeinsatzkommando (SEK), Diensthunde, einen Polizeihubschrauber sowie zahlreiche Einsatzhundertschaften.
Da zunächst nicht ausgeschlossen werden konnte, dass weitere Täter an dem Anschlag beteiligt gewesen sein könnten, konzentrierten sich die Maßnahmen nicht nur auf die Suche nach dem flüchtigen Mann, sondern auch auf die Sicherung des Tatortes und möglicher weiterer Gefahrenbereiche.
Politiker verschaffen sich vor Ort ein Bild
Noch in der Nacht kamen Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel sowie der Regierende Bürgermeister Kai Wegner zum Tatort.
Beide verschafften sich einen Überblick über die Lage und standen in engem Austausch mit den Einsatzleitungen von Polizei und Feuerwehr.
Für Angehörige richtete die Berliner Polizei eine Personenauskunftsstelle ein. Vermisstenmeldungen sollten ausschließlich dort eingehen, um die Notrufleitungen zu entlasten und eine geordnete Bearbeitung der Anfragen sicherzustellen.
Spurensicherung beginnt noch in der Nacht
Noch während die Fahndung lief, begannen Kriminaltechniker und Spezialisten des Landeskriminalamtes mit der Spurensicherung.
Der weiße Citroën-Transporter wurde sichergestellt und kriminaltechnisch untersucht. Dabei stellten die Ermittler zahlreiche Beweismittel sicher.
Nach Informationen aus Ermittlerkreisen fanden die Beamten im Fahrzeug unter anderem eine Macheten-Scheide. Die mutmaßliche Tatwaffe selbst blieb jedoch zunächst verschwunden.
Ebenfalls sichergestellt wurde das Mobiltelefon des Tatverdächtigen. Bei dessen Auswertung fanden Ermittler später ein Video, das nach bisherigen Erkenntnissen am Tattag aufgenommen worden sein soll und in dem sich der Mann zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) bekennt. Die Ermittler werten das Video als wichtiges Beweismittel zur Rekonstruktion der Tat und ihrer Motivation.
Durchsuchungen in mehreren Berliner Wohnungen
Parallel zur Spurensicherung führten Polizei und Staatsanwaltschaft noch in der Nacht mehrere Durchsuchungen durch.
Zu den Objekten gehörte unter anderem eine Wohnung in der Bissingzeile in Berlin-Schöneberg, die von schwer bewaffneten Einsatzkräften betreten wurde. Aber auch in der Treptower Straße, in Neukölln, wurde eine Wohnung gestürmt.
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stand ein 21-jähriger Mann, den die Behörden dem islamistischen Spektrum zurechneten. Sein Name, Abdul Ballout, wurde später von verschiedenen Medien veröffentlicht.
Die Polizei veröffentlichte ein Fahndungsfoto und bat die Bevölkerung um Hinweise zum Aufenthaltsort des Tatverdächtigen.
Hinweise führen die Ermittler nach Spandau
Die Fahndung dauerte auch am Sonntag unvermindert an.
Nach Angaben der Ermittlungsbehörden gingen zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung ein. Zudem führten Erkenntnisse aus dem persönlichen Umfeld des Tatverdächtigen die Ermittler schließlich in eine Kleingartenanlage an der Ruhlebener Straße in Berlin-Spandau.
Dort lokalisierten Spezialkräfte des Landeskriminalamtes und des SEK eine Gartenlaube, in der sich der Gesuchte nach bisherigen Erkenntnissen versteckt hielt.
SEK greift zu
Kurz vor 18 Uhr erfolgte der Zugriff.
Nach Angaben der Berliner Polizei soll der Tatverdächtige dabei mit einer Stichwaffe auf die Einsatzkräfte zugelaufen sein.
Daraufhin kam es zum Schusswaffengebrauch durch Beamte des Spezialeinsatzkommandos.
Unmittelbar nach dem Zugriff übernahmen Einsatzkräfte der Berliner Feuerwehr die medizinische Versorgung des Mannes. Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen verstarb der 21-Jährige noch am Einsatzort.
Mit seinem Tod endete die mehr als 20-stündige Großfahndung.
Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen
Aufgrund der Bedeutung des Falls übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen.
Im Mittelpunkt stehen seitdem unter anderem die Fragen, wie der Anschlag vorbereitet wurde, ob der Tatverdächtige Unterstützer hatte und welche Erkenntnisse den Sicherheitsbehörden bereits vor dem Angriff vorlagen.
Nach bisherigen Erkenntnissen war der Mann den Behörden bekannt. Medien berichteten unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass er als islamistisch radikalisiert galt und zeitweise überwacht worden sein soll. Die Ermittlungen hierzu dauern an.
Weitere Spuren im Tiergarten
Auch nach dem Tod des Tatverdächtigen gingen die kriminalpolizeilichen Ermittlungen weiter.
Mehrere Tage nach dem Anschlag suchten Einsatzkräfte der Berliner Polizei den Bereich des Tiergartens erneut systematisch ab. Beamte einer Einsatzhundertschaft durchkämmten in Suchketten große Flächen der Grünanlage.
Im Mittelpunkt stand die Suche nach der mutmaßlichen Tatwaffe. Da im Transporter lediglich eine Macheten-Scheide gefunden worden war, gingen die Ermittler davon aus, dass der Tatverdächtige die Klinge auf seiner Flucht verloren, versteckt oder entsorgt haben könnte.
Ob die gesuchte Waffe gefunden wurde, teilten die Ermittlungsbehörden bislang nicht mit.
Berlin sucht nach Antworten
Der Anschlag löste bundesweit Bestürzung aus und war in den folgenden Tagen auch Thema einer Sondersitzung des Berliner Abgeordnetenhauses.
Neben der Aufarbeitung des Einsatzes rückten dabei insbesondere Fragen nach dem Sicherheitskonzept des Christopher Street Days, dem Umgang mit bekannten islamistischen Gefährdern und den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den Mittelpunkt.
Während die Ermittlungen des Generalbundesanwalts andauern, beschäftigen die Tat und ihre Folgen weiterhin Polizei, Justiz, Politik und die Berliner Stadtgesellschaft.
Mit dem Ende der Fahndung begann zugleich die umfassende Aufarbeitung eines Terroranschlags, dessen Auswirkungen Berlin noch lange beschäftigen werden.
Zuletzt aktualisiert:Weitere Nachrichten
- Brandstiftung?
- Tempelhof-Schöneberg
Kellerbrand in Marienfelde: Hochhaus massiv verraucht
- Brand im Humboldt Forum
- Mitte
Brand im Berliner Schloss – Feuerwehr verhindert Ausbreitung
- 14 Geschäfte betroffen
- Marzahn-Hellersdorf
Einbrecher-Duo verwüstet Ladenzeile im Eastgate
- Großbrand in Biesdorf
- Marzahn-Hellersdorf
Großbrand in Biesdorfer Pflegeeinrichtung – elf Menschen verletzt
- Schüsse in Hellersdorf
- Marzahn-Hellersdorf
Schüsse auf Nachtclub und Friseursalon in Hellersdorf
- Terroranschlag in Berlin
- Mitte
Terroranschlag beim Berliner CSD: So verlief die Tatnacht
- Kurzmeldung
- Friedrichshain-Kreuzberg
Matratzenbrand in Friedrichshain – Feuerwehr verhindert Brandausbreitung
- Charlottenburg-Wilmersdorf
Autohasser schlagen erneut zu: Zahlreichen SUVs in Charlottenburg Luft aus Reifen gelassen
- 🔥 Heißes Thema
- Marzahn-Hellersdorf
Sagen Sie uns ihre Meinung
Neu erstellte Kommentare unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.
Neu erstellte Kommentare unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.